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Albert Sigl: Sonnham

Artikelnummer:178
Broschur, 160 S., 11,80 Euro, ISBN 3-929517-72-8

Albert Sigls Geschichten zeichnen ein Portrait Bayerns, vor allem der bayerischen Provinz, in den letzten 60 Jahren seit dem 2. Weltkrieg. Er knüpft mit „Sonnham“ an seine beiden früheren Arbeiten „Kopfham“ und „die gute haut“ an. Im Mittelpunkt seiner Geschichten stehen die kleinen Leute.

11,80 €

Beschreibung

Albert Sigl, 1953 in Landshut geboren, studierte Elektrotechnik, Germanistik und Philosopie. Lebt in Erding.
Veröffentlichte im Friedl Brehm Verlag die Romane „Kopfham“ (1982) und „die gute haut“ (1985). Daneben Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien und im Hörfunk. Auszeichnungen: Stipendium Münchner Literaturjahr 1987, Stadtschreiber Erding 2002. 2015 erschien seine Erzählsammlung Gegenwartszimmer.


1945

W ohin jetzt mit dem Papagei, der „Heil Hitler“ sagen kann? Die Amerikaner standen vor der Tür, und der Papagei hat nicht umlernen wollen. Das war schon ein Problem, aber ein kleines. Aber den Schnabel hat er auch nicht halten wollen. Und selbst der Zoodirektor in München hat gesagt: „Einen Papagei, der nur ,Heil Hitler‘ sagen kann, den können wir auch im Zoo nicht gebrauchen.“

Dann war plötzlich das Kamel da. Die Amerikaner hatten es aus Marokko mitgebracht. Aber was frisst ein Kamel? Mit Schokolade und Keksen haben sie es gefüttert im Keller unten. Dann hat sich der Zoodirektor erbarmt. Wie alt wird ein Kamel? Ich glaub, es steht noch heute im Tierpark. Dort war ein Schild angebracht: Ein Geschenk der Amerikaner an die Stadt.

Es war nichts mehr da, alles musste improvisiert werden. Mein Vater hat Steine organisiert und Mörtel und Kalk und was man zum Bauen noch braucht.

Die Amerikaner kommen, hat es geheißen. Schnell haben ein paar weiße Fahnen aus dem Fenster herausgehängt, obwohl sie noch vor ein paar Tagen eine ganz andere Meinung gehabt haben.

Und dann sind die Amerikaner ins Haus mit vorgehaltener Maschinenpistole. Sie haben nur eine Frage gestellt: „Du Nazi?“

Das Bett durfte man noch mitnehmen, das Leintuch musste im Bett bleiben. „Ich brauch doch Zucker und Nahrung für das Kind“, hat die Mutter gesagt und ist in unser Haus hinüber. Da haben ihr die Amerikaner einige Büchsen mit Babynahrung mitgegeben.

In der Schule haben wir zu den Amerikanern gehen dürfen, da ist dann der Santa Claus gekommen, das vergesse ich nie.

Als Kind bin ich krank geworden. Ich habe eine Lungenentzündung und eine eitrige Bronchitis bekommen. Das war gefährlich für ein Kind, sehr gefährlich in dieser Zeit. „Da gibt es doch das neue Penizillin“, hat der Doktor gesagt, „jetzt hilft nur noch das Penizillin.“ Der Vater hat bei den Amerikanern nachgefragt. „Das Medikament müssen selbst wir kaufen“, haben sie gesagt. Aber dann haben es die Amerikaner beschafft. Der Chefarzt und ein hohes Tier von den Amerikanern sind an meinem Bett im Krankenhaus gestanden und haben darauf geachtet, dass das Kind ganz gewiss die Medizin bekommt.

Ich bin wieder gesund geworden, dafür bin ich noch heute dankbar.


Weihnachten im eigenen Heim

E r war fertig, ausgepumpt, geschafft. Drei lange Jahre hatte er mit der Familie zusammen in jeder freien Minute an dem neuen Haus gebaut. Für das Haus musste alles zurückstehen. Jetzt waren alle mit den Nerven am Ende.

Die Söhne wurden erwachsen, er behandelte sie wie Kinder und Handlanger, damit nur ja die Arbeit am Haus weiterging. Die Arbeitskraft der Söhne wurde gebraucht. Das einzige Versprechen, das sie noch bei der Familie hielt, war das eigene Zimmer, das jeder zum ersten Mal im Leben erhalten sollte. Die ältesten Söhne waren siebzehn und fünfzehn. Sie wollten endlich erwachsen werden, sie wollten sich nichts mehr sagen lassen, sie hatten genug von den Sprüchen, mit denen das Leben geregelt wurde. Und grüß jeden Erwachsenen, wenn du in die Kirche gehst, das tut man doch, und wer weiß, was es dir im Leben noch einmal bringen wird.

Ein ganzes Kinderleben lang hatten die Söhne jeden Pfennig auf ihr Sparkonto gelegt. Die Konten wurden abgeräumt, freilich wurden die Söhne vorher gefragt, und sie merkten mit Schmerzen, wie weh die Vernunft tun kann. Die Schulden wuchsen mit dem Haus. Er wusste nicht mehr, wie er die Sache finanzieren sollte. Mit seiner Arbeit jedenfalls ging das nicht mehr. Verzweifelt suchte er nach einer Lösung. Er würde den ganzen ersten Stock vermieten, das war die Lösung. Im Erdgeschoß würde es zwar genauso eng hergehen wie im alten Haus, aber es ging nicht anders, es war kein Geld mehr da. Er hatte sich mit seinen Plänen übernommen, er hatte sich mit seiner Kraft übernommen. Er hatte sich mit der Zeit übernommen. Wer hatte gedacht, dass es so lange dauern würde? Vor lauter Arbeit hatte er einfach übersehen, dass seine Söhne erwachsen wurden und ihr Recht vom Leben wollten. Im Wirtshaus erfuhr er vom Wunsch des Ältesten, zum örtlichen Schützenverein gehen zu dürfen. Denn noch immer waren die Wirtshäuser verboten, er ließ die Söhne nicht aus dem Haus.

Das wäre es nicht gewesen. Aber er ließ die Söhne auch nicht mitarbeiten, er behandelte sie wie Hilfsarbeiter auf dem Bau. Die Söhne wollten auch einmal ein Stück mauern, sie hätten gern das Gefühl gehabt, an dem Haus mitarbeiten zu dürfen. Er wollte das nicht. Er wollte von seiner Handwerkskunst nichts hergeben. Die hart erarbeiteten Zeugnisse registrierte er. Er wollte einfach nicht, oder er konnte es einfach nicht zulassen, dass die Söhne auch einmal etwas von ihm lernen konnten. Sie sollten Söhne bleiben und nicht gleichberechtigte Maurer. Sie taten Arbeit von Erwachsenen, da wollten sie auch wie Erwachsenen behandelt werden. Nach der Arbeit warfen die Maurer die Werkzeuge hin: Putzen! Sie saßen schon lang am Tisch, da wuschen die Söhne noch die Werkzeuge und die Betonmischmaschine sauber. Warum wurden sie wie Hilfsarbeiter behandelt? Aber darüber dachte man in diesen Jahren noch nicht nach. Der Vater, der älteste Sohn, die Reihe der Söhne, dann kam die Mutter und die Reihe der Mädchen. Das war die Reihenfolge, und niemand wäre darauf gekommen, das in Frage zu stellen.

Er hatte beschlossen, es den Söhnen zu sagen, dass er das erste Stockwerk des neuen Hauses vermieten würde. Es war das Geld, das er brauchte, um die Schulden zahlen zu können. Am Freitag war er von der Arbeit erledigt. Am Samstag musste er am eigenen Haus arbeiten, die Söhne mussten mithelfen. Er wollte seine Ruhe. Er wollte auch nicht die Musik hören, die jetzt aus dem Radio kam. Er ahnte, dass in dieser Musik ein Stück Aufruhr und Widerstand steckte und auf die Söhne überging. Er konnte nicht einen Aufstand der Söhne bekämpfen und ein Haus bauen und die Arbeit auch noch erledigen. Dazu kamen die Schulden. Damit nun die Ruhe am Freitagabend nicht gestört wurde, stiegen die Söhne auf die Lehne des Kanapees, um mit den Ohren möglichst nah am Lautsprecher zu sein. „Macht das leiser!“, knurrte der Vater, aber leiser ging es nun wirklich nicht. „Was singt der da?“, sagte der Vater. „Ich weiß es nicht“, sagte der Sohn. „Für was lernst du dann Englisch?“, sagte der Vater. Elvis Presley schluchzte „In the ghetto“, und der Sohn verstand etwas von einem armen Buben in einem Hinterhof und einer Pistole und stellte sich selber in der Rolle vor. „Tut die Negermusik weg“, sagte der Vater. „Es ist ja eh gleich aus“, sagten die Söhne. „Und geht vom Kanapee herunter, die ganze Lehne ist schon weggetreten, wir können uns kein neues leisten.“ „Es ist ja eh gleich aus“, sagte der zweitälteste Sohn. Das wurde ihm zuviel, er ging zum Radio und stellte es ab. Nicht einmal die Lieder im Radio waren erlaubt, das war ihm zuviel. Ich kauf mir ein Radio, ein eigenes Radio, hämmerte es in den Köpfen. „Und überhaupt“, sagte der Vater nur kalt, „damit ihr es wisst, ich werde den ersten Stock vermieten, das Geld langt noch nicht. Wir müssen halt dann doch wieder zusammen unten wohnen, es wird schon gehen, und es ist ja nicht für immer. Mieter habe ich auch schon, es sind zwei alte Frauen, die eine Rente kriegen. Da ist die Miete schon sicher.“

Ein ganzes Gedankengebäude, aus Vorfreude auf ein eigenes Zimmer und eigene Musik und Ruhe vor den anderen erbaut, brach krachend in den Söhnen zusammen. Alles umsonst. Die ganze Schufterei war umsonst. Für fremde Menschen hatten sie sich das alles angetan, für andere hatten sie geschuftet. Und die Wohnverhältnisse würden die gleichen bleiben, nur hatten sie dann auch die fremden Menschen im Haus. Für die also hatten sie das alles auf sich genommen. Er hat das alles von Anfang an gewusst, hämmerte es in ihnen. Er hat es von Anfang an gewusst, er hatte sie betrogen, wie er sie um die Ersparnisse gebracht hatte, und dafür durfte man sich nicht einmal Musik anhören. Es merkte keiner, aber an diesem Freitag Abend wurde eine Familie zersprengt. Was so mühsam zusammengehalten hatte, das pendelte sich jetzt in erbitterten Widerstand ein, jetzt gab es nur noch Gegner. Alle waren wohl ungerecht zueinander, es war die Arbeit einfach zuviel geworden, sie hatten die Triebfeder, die den Zusammenhalt in einer Familie bildet, überzogen, überstrapaziert, etwas war zerrissen.

Der Vater ging ins Wirtshaus. An diesem Abend schlich sich der älteste Sohn ohne Einwilligung des Vaters zum ersten Mal aus dem Haus und ging in ein Wirtshaus, von dem er wusste, dass er den Vater dort nicht antreffen würde. Mochte morgen der Vater toben, es war ihm egal, er würde ihm halt anbieten, dann nicht mehr mitzuarbeiten. Er spürte plötzlich, dass auch er Macht hatte. Er würde nun das Prinzip des Vaters einfach gegen den Vater richten.

Ab jetzt wurde die Arbeit am Haus brutal. Er konnte ja keine Gemeinsamkeiten mehr vermitteln, sie glaubten ihm nichts mehr. Sie drückten sich vor der Arbeit, wo immer es ging, sie ließen ihn einfach allein. Das ist dein Haus, sagten sie, jeder Vorwand war willkommen, um vor der Arbeit zu fliehen. Und mit grausamer Zufriedenheit sahen sie, wie weh sie ihm taten, wenn sie am Samstag Nachmittag abhauten und ihn allein ließen. Sie gaben ihm keine Möglichkeit mehr, ein menschliches Wort zu wechseln, sie ließen ihn einfach allein. Er konnte sagen, was er wollte, es war sinnlos, sie hörten innerlich nicht mehr zu.

Du kannst sagen, was du willst, dachte der älteste Sohn, nächstes Jahr bin ich achtzehn, dann ist auch das Haus endlich fertig, dann bin ich weg. Jetzt kannst du mir noch etwas anschaffen, nächstes Jahr kannst du das nicht mehr.

Es ging auf Weihnachten zu. Die Mutter hatte Angst vor dem Fest. Denn da konnte keiner mehr aus, man musste um einen Tisch sitzen, und es würde dann alles herauskommen, davor hatte sie Angst. Es ist ja ein gefährliches Fest, das Fest des Friedens, der Raum ist voller Sprengstoff und keiner kann sagen, was passiert, wenn die Kerzen angezündet werden.

Darüber stand der Rohbau wie eine schwarze, drohende Ruine. Es regnete. Grau und düster begann der Tag. Aber es sollte so nicht enden, beschloss die Mutter. Wir ziehen doch heute in das neue Haus. Fertig ist alles, wir tragen halt schnell das Nötigste hinüber. Sie hoffte, dass mit diesem improvisierten Umzug die Stimmung sich aufhellen würde. Es sollte ein Weihnachtsabend sein, an dem man all die Mühen sehen sollte, an dem der Lohn für die Arbeit ausgeteilt werden sollte. Ein Abend mit Zentralheizung. Die Mutter begann, mit allen Kindern die Möbel und Habseligkeiten, die wenigstens für diesen Abend notwendig waren, über die Straße ins neue Haus zu schleppen.

Er konnte nicht mehr, er hatte von all dem Trubel genug, er war auch gar nicht mehr gefragt worden, das tat ihm weh. Er ging in den Keller, schaltete die Betonmischmaschineein und betonierte den Estrich in einem Zimmer. Das hätte freilich warten können, aber er weigerte sich selbst auf die Bitte seiner Frau hin, die Möbel in das neue Haus zu schleppen. So zerrten also die Mutter und die Kinder die Sachen über die Straße, er betonierte stur und wortlos im Keller.

Es wurde ein Provisorium, es war einfach nicht zu schaffen, der Entschluss war zu schnell gekommen. Einkaufen musste auch noch jemand. „Kaufts, was mögts, mir ist es egal“, sagte die Mutter, „ich kann nicht mehr.“ Die Tränen rannen ihr übers Gesicht. Die Kraft, die auseinanderstrebenden Teile zusammenzuhalten, hatte sie nicht mehr.

Den Christbaum hatte immer der Vater aufgestellt. Das mussten jetzt die Söhne übernehmen. Er weigerte sich einfach, er nahm es nicht zur Kenntnis, dass an diesem Tag ein anderer Tag war. Zur Christmette zog er sich dann um, ging mit den jüngeren Kindern zur Kirche, die Mutter schmückte den Baum. Kahl war der Raum, verloren stand der Christbaum in der Ecke. Die zwei ältesten Söhne halfen der Mutter beim Schmücken des Christbaums und gingen dann ins Wirtshaus. Zwei Mal musste ein Mädchen ins Wirtshaus laufen, die Söhne heimzubitten. Sie legten sich ins Bett. Die Mutter bat den drittältesten Sohn, die Brüder doch zur Bescherung zu wecken.

Die Söhne erschienen vor dem Christbaum, sagten zu Geschenken aufdringlich und aggressiv immer nur: „Schöne Geschenke, schön, schön.“ „Ihr braucht nichts mehr essen, ihr könnt wieder ins Bett.“ „Danke“, sagte der jüngere der beiden. Hätte der Vater zugeschlagen, sie hätten wahrscheinlich gegen ihn zusammengeholfen. Er spürte das. Das Haus war fertig.

Die Leute bewunderten den Zusammenhalt in dieser Familie. Die mögen noch arbeiten, sagten alle. Nach außen hin war alles in Ordnung, sie hatten gemeinsam ihr Ziel erreicht. Was eine gemeinsame Hülle hätte werden sollen, hatte Sprengkraft entwickelt.

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